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Customer Obsession bei Amazon: Was das für Seller bedeutet

Ekaterina Rubtcova 7 Min. Lesezeit
Ekaterina Rubtcova — Amazon-Verkäuferin, Gründerin der Marke Daniks und von Daniks.AI

Ekaterina Rubtcova

Amazon-Verkäuferin seit 2018 · Gründerin der Kochgeschirr-Marke Daniks · Gründerin von Daniks.AI

Mein Daniks-Kochgeschirr ist Top-1 in Deutschland und aktuell Top-20 in den USA. Um die PPC dafür zu steuern, habe ich Daniks.AI gebaut — heute im Einsatz bei hunderten Amazon-Marken. In diesem Blog zeige ich, wie ich wirklich arbeite. Keine Kurse, keine Upsells.

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2018 hatte ein Freund von mir ein Vorstellungsgespräch bei Amazon in Kanada — als Entwickler. Im Auswahlprozess wurde er auf die Amazon Leadership Principles gedrillt, und das erste Prinzip heißt Customer Obsession. Ich hatte damals gerade angefangen, auf Amazon zu verkaufen, und meine Reaktion war ehrlich: „Welche Customer Obsession? Das ganze Risiko liegt bei mir. Ich schreibe dem Seller Support und bekomme eine Standardantwort.”

Und dann fiel der Groschen: Ich bin gar nicht ihr Kunde.

Dieser eine Satz erklärt mehr über das Verkaufen auf Amazon als die meisten Kurse. Also lass uns das auseinandernehmen: was Customer Obsession wirklich ist, warum es sie gibt — und was das für dein FBA-Business bedeutet.

Du bist nicht Amazons Kunde

Amazon ist ein zweiseitiger Marktplatz. Auf der einen Seite stehen die Käufer — Menschen, die Geld für Produkte bezahlen. Sie sind die Kunden, und die gesamte berühmte Obsession richtet sich auf sie.

Auf der anderen Seite stehen wir Seller. Wir sind in bestimmten Momenten wichtig — wenn Amazon Auswahl braucht, wenn eine Kategorie dünn besetzt ist. Den Rest der Zeit investiert die Plattform wenig Energie in uns. Es gibt Millionen von uns, und Amazon sagt es dir durch sein Verhalten ziemlich deutlich: Einige Seller kommen, lernen, ruinieren die Preise und gehen pleite — und neue rücken nach. Das Schwungrad dreht sich trotzdem weiter.

Sobald du das akzeptierst, hören viele frustrierende Dinge auf, persönlich zu sein. Die automatisierten Support-Antworten, die Policy-Änderungen mit zwei Wochen Vorlauf, die Retouren, die gegen deinen Einspruch durchgewunken werden — nichts davon ist Böswilligkeit. Es ist ein System, das für die andere Seite des Marktplatzes optimiert ist. Und du hast zugestimmt, darin zu arbeiten.

Customer Obsession ist eingepreist

Hier ist der Teil, den die meisten neuen Seller übersehen: Amazons Großzügigkeit gegenüber Käufern ist keine Nettigkeit. Es ist Unit Economics.

Während meines Masters in Amsterdam habe ich an einem Projekt gearbeitet, für das ich Manager von Handelsketten dazu befragt habe, wie sie mit Amazon konkurrieren. Die Antwort kam immer wieder: Kunden wissen, dass Amazon nicht der Ort für den niedrigsten Preis ist. Es ist der Ort für Top-Service — Lieferung in ein bis zwei Tagen und Retouren ohne Rückfragen. Dieses Service-Level steckt in den Preisen, die du auf der Plattform siehst.

Der Weihnachtsbaum, der im Juli zurückgeschickt wird, der Mixer, der benutzt und zerkratzt zurückkommt, die 10–15 % Retourenquote in manchen Kategorien — all das ist bereits einkalkuliert. Amazon kann es sich leisten, Käufer zu verwöhnen, weil Seller wie du und ich die Kosten dieser Obsession tragen, Einheit für Einheit.

Also behandle es als Kostenposition. Wenn du in einer Kategorie mit 12 % Retourenquote verkaufst, gehört in deine Margenkalkulation eine 12-%-Annahme — nicht die Hoffnung, dass dein Produkt die Ausnahme wird. Wie du die Quote aktiv drückst, habe ich im Artikel zum Senken der FBA-Retourenquote aufgeschrieben. Aber Senken beginnt mit ehrlichem Rechnen.

Guter Service ist Ökonomie, keine Freundlichkeit

Um 2015 haben in Moskau zwei Ride-Hailing-Apps Investorengeld verbrannt, um den Markt zu gewinnen. Man fuhr zwei Stationen für Centbeträge, im sauberen Auto, mit Wasserflasche, und der Fahrer fragte, welche Musik man hören möchte. Alle liebten es — und alle wussten insgeheim: Sobald einer gewinnt, ist der subventionierte Luxus vorbei. So kam es. Danach beschwerten sich die Leute, der Service sei „schlechter geworden”. Er wurde nicht schlechter. Er wurde marktgerecht.

Die Lektion für Seller: Das Service-Niveau, das eine Plattform von dir verlangt, spiegelt Wettbewerb wider, nicht Tugend. Amazon operiert in reifen Märkten, in denen Käufer in drei Sekunden zu Walmart oder Otto weiterklicken können. Dieser Druck fließt nach unten durch — von Amazons Versprechen an die Käufer direkt in deine Gebührentabelle und deine Retourenspalte.

Die Kultur setzt die Service-Messlatte

Ein Gedankenexperiment, das ich mag: Du stehst in einer zäh vorankommenden Schlange an der Hotelrezeption, mit einem schreienden Säugling auf dem Arm. Die Uhr springt auf 17:59, der Mitarbeiter verkündet Feierabend und geht. Der nächste Kollege gießt sich erst einmal in aller Ruhe einen Kaffee ein — vor der ganzen Schlange.

Je nachdem, wo du aufgewachsen bist, fällt deine Reaktion anders aus. In manchen Kulturen denkt man: „Er hätte doch fünf Minuten dranhängen können.” In anderen: „Feierabend ist Feierabend — du würdest auch gehen. Das nennt man Grenzen.” Und in wieder anderen winkt dich die ganze Schlange mit dem Baby nach vorne durch.

Keine dieser Reaktionen ist falsch. Aber praktisch bedeutet das: Kundenerwartungen sind kulturell — und du verkaufst in eine konkrete Kultur hinein. Die Messlatte auf Amazon.com wird von der amerikanischen Retail-Kultur gesetzt: großzügige Retouren, schnelle Antworten, im Zweifel für den Käufer. Auf Amazon.de ticken Käufer spürbar anders — ich habe die Unterschiede in Amazon.de vs. Amazon.com im Detail beschrieben. Gleiche Plattform, anderes Käuferverhalten, andere Bewertungskultur.

Die Geschichte, die mich zu diesem Video gebracht hat

Vor einiger Zeit habe ich ein Paket mit zehn Sessions bei einem Online-Coach gekauft — für mich damals eine große Summe. Das Leben kam dazwischen, ich habe lange nichts gebucht, und als ich endlich einen Termin machte, verbrachte die Frau den Call damit, mich zurechtzuweisen: Ich hätte früher buchen müssen, ich hätte mich nicht gemeldet, und sie wisse gar nicht, ob sie noch mit mir arbeiten wolle. Sie selbst hatte sich nie gemeldet. Sie hatte nur stillschweigend das Geld genommen.

Sie operierte mit „Grenzen”. Ich erwartete Service. Wir waren in unterschiedlichen kulturellen Kontexten — und das längst bezahlte Geld änderte daran nichts.

Zwei Lektionen habe ich mitgenommen. Erstens, als Käuferin: Ich zahle niemandem mehr große Summen im Voraus, um Commitment zu beweisen. Zweitens, als Sellerin: Dieses Gefühl — voll bezahlt und dann von der Person beschuldigt, die ich bezahlt habe — ist exakt das, was ein Käufer fühlt, wenn ein Seller mit ihm diskutiert. Du willst nie, dass ein Kunde diese Geschichte über deine Marke erzählt.

Was das für dein FBA-Business heißt

Customer Obsession ist also in einem Sinn eine Lüge — Amazon ist nicht von dir besessen — und in einem anderen absolut real: Du musst sie praktizieren, ob du willst oder nicht. So übersetze ich das in den Alltag:

Preise die Obsession in deine Marge ein. Retouren, Ersatzlieferungen, die gelegentliche missbrauchte Rückerstattung — das sind auf Amazon Herstellkosten, keine Überraschungen. Wenn deine Kalkulation nur mit 2 % Retouren in einer 10-%-Kategorie aufgeht, funktioniert das Produkt nicht. Es ist dieselbe Disziplin wie bei allen klassischen FBA-Anfängerfehlern: Wer scheitert, hat den Best Case kalkuliert.

Trenne normale Kunden von Konsumenten-Terrorismus. Die meisten Käufer sind normale Menschen, die dir Geld bringen. Ein kleiner Prozentsatz trägt das Kleid, macht es schmutzig und schickt es zurück — und der Marktplatz stellt sich auf seine Seite. Kämpfe gegen klare Missbrauchsfälle über Amazons Prozesse (SAFE-T-Anträge, Käufer melden), aber kühl, als Prozess — nicht als Kreuzzug.

Schütze die Kennzahlen, nicht deinen Stolz. Order Defect Rate, Antwortzeiten und Feedback sind die Hebel, auf die Amazon tatsächlich schaut. Eine Diskussion mit einem Käufer zu gewinnen, während deine Account Health abrutscht, ist eine Niederlage.

Kenne die Kultur, in die du verkaufst. US-Käufer erwarten mehr Entgegenkommen als deutsche; eine Antwort, die in einem Markt als sachlich durchgeht, liest sich im anderen als unhöflich. Schreib deine Kundennachrichten für die Kultur des Marktplatzes, nicht für deine eigene.

Wir sagen unseren Leuten immer: Der Kunde bringt uns das Geld. Nicht die Plattform, nicht der Algorithmus — der Mensch auf der anderen Seite des Retourenantrags. Amazon hat ein Billionen-Business darauf gebaut, das nie zu vergessen. Als Seller können wir aus dem Prinzip nicht aussteigen. Wir können es nur mit offenen Augen anwenden — und mit ehrlicher Marge.

Die vollständigen Geschichten — inklusive der mit dem Coach — erzähle ich im Video oben (auf Englisch). Wenn dir dieser ungefilterte Blick auf die Seller-Seite von Amazon etwas bringt, abonniere den Kanal; dort finden diese Gespräche zuerst statt.

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