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CE-Kennzeichnung und Produktsicherheit für Amazon.de

Ekaterina Rubtcova 6 Min. Lesezeit

CE-Kennzeichnung ist das Thema, das die meisten Amazon-Seller in Deutschland so lange ignorieren, bis ihr Listing gesperrt wird. Dann ist Panik — und die Lösung dauert Wochen statt Tage.

Hier ist die ehrliche Anleitung: welche Produkte CE brauchen, wie du es bekommst, was es kostet, und die drei Fehler, die ich am häufigsten sehe.

Was CE-Kennzeichnung bedeutet — und was nicht

CE (Conformité Européenne) ist keine Qualitätsauszeichnung. Es ist eine Erklärung des Herstellers oder Importeurs, dass ein Produkt den relevanten EU-Richtlinien entspricht. Du bringst das CE-Zeichen selbst an — niemand „vergibt” es dir.

Das heißt aber auch: du haftest. Wenn dein Produkt den Standards nicht entspricht und jemand zu Schaden kommt, bist du als Importeur verantwortlich. Das ist kein theoretisches Risiko — Amazon und EU-Marktüberwachungsbehörden kontrollieren zunehmend.

Welche Produkte brauchen CE?

CE-Kennzeichnung ist nicht für alle Produkte erforderlich. Sie ist Pflicht für Produkte, die unter bestimmte EU-Richtlinien fallen:

Immer CE-pflichtig

  • Elektrische und elektronische Geräte — alles mit Stecker, Akku oder Netzteil (Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU, EMV-Richtlinie 2014/30/EU)
  • Spielzeug — jedes Produkt, das für Kinder unter 14 Jahren bestimmt ist (Spielzeugrichtlinie 2009/48/EU)
  • Persönliche Schutzausrüstung (PSA) — Schutzbrillen, Handschuhe, Helme (PSA-Verordnung 2016/425)
  • Medizinprodukte — von Pflastern bis Blutdruckmessgeräten (MDR 2017/745)
  • Maschinen — auch kleine Küchengeräte mit beweglichen Teilen (Maschinenrichtlinie 2006/42/EG)
  • Druckgeräte — z. B. bestimmte Wasserkocher, Dampferzeuger
  • Bauprodukte — alles, was dauerhaft in ein Gebäude eingebaut wird

Nicht CE-pflichtig (typische FBA-Kategorien)

  • Textilien und Bekleidung (außer PSA)
  • Möbel (sofern keine elektrischen Komponenten)
  • Kosmetik (eigene EU-Regulierung, aber kein CE)
  • Lebensmittel und Nahrungsergänzung (eigene Regulierung)
  • Reine Dekorationsartikel ohne elektrische Funktion
  • Küchenzubehör ohne bewegliche/elektrische Teile (Schneidebretter, Aufbewahrungsdosen)

Grauzone: Produkte, die „auch” von Kindern benutzt werden könnten. Ein Bade-Entchen für Erwachsene? Kein Spielzeug. Ein Bade-Entchen, das du als „Badespielzeug” vermarktest? Spielzeugrichtlinie greift. Die Vermarktung bestimmt die Einstufung.

Wie du CE-Kennzeichnung bekommst — Schritt für Schritt

Schritt 1: relevante EU-Richtlinie(n) identifizieren

Finde heraus, welche Richtlinie(n) für dein Produkt gelten. Oft sind es mehrere gleichzeitig. Ein elektrisches Kinderspielzeug fällt unter die Spielzeugrichtlinie und die EMV-Richtlinie und die Niederspannungsrichtlinie.

Wo nachschlagen: die EU-Kommissions-Datenbank für harmonisierte Normen oder frag deinen Prüflabor-Kontakt.

Schritt 2: harmonisierte Normen finden

Jede Richtlinie hat zugeordnete harmonisierte Normen (EN-Normen), die die technischen Anforderungen definieren. Beispiel:

  • Spielzeugrichtlinie → EN 71 (Teile 1–13: mechanische, entflammbare, chemische Sicherheit etc.)
  • Niederspannungsrichtlinie → EN 62368-1 (Audio/Video/IT-Geräte) oder produktspezifische Normen
  • EMV → EN 55032/55035

CE-Kennzeichen auf einer weißen Produktverpackung — Nahaufnahme der korrekten EU-Proportionen

Schritt 3: Prüfung durchführen (lassen)

Zwei Wege:

Selbstbewertung (für bestimmte niedrigere Risikokategorien):

  • Du prüfst selbst gegen die relevanten Normen
  • Dokumentierst die Ergebnisse in der technischen Dokumentation
  • Kein externes Labor nötig
  • Risiko: wenn deine Selbstbewertung fehlerhaft ist, haftest du voll

Prüfung durch ein akkreditiertes Labor (empfohlen für die meisten Seller):

  • Ein Labor wie TÜV, SGS, Bureau Veritas oder Intertek prüft dein Produkt gegen die relevanten Normen
  • Du bekommst einen Prüfbericht
  • Kosten: 500–3.000 € je nach Produkt und Komplexität
  • Dauer: 2–6 Wochen

Produktsicherheits-Labor — Techniker prüft ein Verbraucherprodukt auf einem Teststand mit Messgeräten

Meine Empfehlung: lass prüfen. Die 500–1.500 € für ein akkreditiertes Labor sind günstig im Vergleich zu den Kosten einer Listing-Sperrung, Produkthaftungsklage oder einem Rückruf. Viele chinesische Lieferanten bieten Prüfberichte an — traue ihnen nicht blind. Lass einen unabhängigen Test machen, mindestens für die erste Charge.

Schritt 4: Konformitätserklärung (DoC) erstellen

EU-Konformitätserklärung (Declaration of Conformity) auf einem Schreibtisch mit Unterschrift und Stempel

Die EU Declaration of Conformity ist ein einseitiges Dokument, das du als Importeur ausstellst. Inhalt:

  • Dein Name und Adresse (als Importeur/Inverkehrbringer)
  • Produktbeschreibung und Identifikation
  • Verweis auf die relevanten EU-Richtlinien
  • Verweis auf die angewandten harmonisierten Normen
  • Datum und Unterschrift

Die DoC muss 10 Jahre aufbewahrt werden und jederzeit auf Anfrage von Behörden vorgelegt werden können. Amazon fordert sie zunehmend auch proaktiv an.

Schritt 5: CE-Zeichen anbringen

Das CE-Zeichen kommt auf das Produkt selbst, die Verpackung oder — wenn das nicht möglich ist — die Begleitdokumentation. Mindesthöhe: 5 mm. Die Proportionen sind gesetzlich vorgeschrieben (gleiche Höhe für beide Buchstaben, spezifische Schrift).

Sage deinem Lieferanten, das CE-Zeichen direkt auf Produkt und Verpackung zu drucken. Das ist der einfachste Weg und spart Nacharbeit.

Schritt 6: Technische Dokumentation zusammenstellen

Zusätzlich zur DoC brauchst du eine technische Dokumentation, die den gesamten Konformitätsprozess belegt:

  • Produktbeschreibung und Design-Spezifikationen
  • Risikoanalyse
  • Prüfberichte (vom Labor)
  • Konformitätserklärung
  • Fotos des CE-Zeichens auf dem Produkt

Diese Dokumentation liegt bei dir — nicht bei Amazon. Aber wenn Amazon oder eine Behörde sie anfordert, musst du sie innerhalb weniger Tage liefern können.

GPSR: die neue Pflicht seit 2024

Seit Dezember 2024 gilt die General Product Safety Regulation (GPSR). Sie verlangt unter anderem, dass auf jedem in der EU verkauften Produkt eine Verantwortliche Person in der EU mit Name und Adresse angegeben ist.

Für FBA-Seller heißt das: du brauchst entweder deine eigene EU-Adresse auf dem Produkt/der Verpackung oder einen GPSR-Dienstleister. Amazon fordert die GPSR-Angaben in Seller Central aktiv ein und sperrt Listings ohne.

Details im GPSR-Compliance-Artikel.

Die drei häufigsten CE-Fehler

Fehler 1: CE-Zertifikat vom Lieferanten = fertig

Viele chinesische Lieferanten schicken dir ein „CE-Zertifikat”. Das Problem: CE ist eine Selbsterklärung des Inverkehrbringers — also deine. Ein Prüfbericht eines chinesischen Labors ist ein Baustein, aber kein Ersatz für deine eigene Konformitätserklärung. Ohne DoC, technische Dokumentation und korrekte Kennzeichnung bist du nicht konform.

Fehler 2: Spielzeug nicht als Spielzeug erkannt

Du verkaufst einen Plüsch-Schlüsselanhänger und denkst „das ist kein Spielzeug”. Amazon sieht in den Kundenbewertungen „mein Kind liebt den Anhänger” und fordert EN-71-Prüfberichte an. Listing gesperrt.

Faustregel: wenn ein Kind es benutzen könnte und es nicht offensichtlich für Erwachsene bestimmt ist (z. B. ein Brieföffner), stufe es als Spielzeug ein. Lieber einmal zu viel prüfen lassen als eine Sperrung riskieren.

Fehler 3: CE-Zeichen erst nach dem Import organisieren

Wenn dein Produkt ohne CE am Zoll steht, wird es zurückgehalten oder vernichtet. Die Ware im FBA-Lager nachträglich mit CE-Aufklebern versehen ist teuer (Removal Order + Reshipment) und löst das Problem der fehlenden Prüfberichte nicht.

CE vor der ersten Bestellung klären, nicht danach.

Kosten-Übersicht

PostenKosten
Laborprüfung (einfaches Produkt)500–1.500 €
Laborprüfung (Elektronik/Spielzeug)1.500–3.000 €
DoC erstellen0 € (Eigenleistung) oder 200–500 € (Dienstleister)
CE-Zeichen auf Produkt/VerpackungIn Produktionskosten enthalten (Formänderung)
GPSR-Verantwortliche-Person50–200 €/Jahr (Dienstleister)

Für ein typisches Private-Label-Produkt im Standard-Bereich (kein Elektronik, kein Spielzeug): 500–1.000 € einmalig für die Erstprüfung. Bei jeder Produktänderung erneut prüfen lassen.

Was du diese Woche tun solltest

  1. Prüfe jedes deiner Produkte: fällt es unter eine CE-pflichtige EU-Richtlinie?
  2. Sammle die vorhandene Dokumentation: Prüfberichte vom Lieferanten, DoC, technische Unterlagen
  3. Lücken identifizieren: fehlende Prüfberichte von einem akkreditierten Labor? Keine eigene DoC? Kein CE auf dem Produkt?
  4. Prüflabor kontaktieren: SGS, TÜV, Intertek oder Bureau Veritas haben alle Online-Angebotsformulare. Anfrage dauert 10 Minuten
  5. GPSR-Status in Seller Central prüfen: sind alle Produkte mit Verantwortlicher Person hinterlegt?

Wer das Thema Verpackungsgesetz und LUCID noch aufarbeiten muss: Verpackungsgesetz-Artikel. Für die EORI-Nummer: EORI-Anleitung.

Fragen zur CE-Kennzeichnung für dein konkretes Produkt? Schreib mir per Kontaktformular.

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Ekaterina Rubtcova — Amazon-Verkäuferin, Gründerin der Marke Daniks und von Daniks.AI

Ekaterina Rubtcova

Amazon-Verkäuferin seit 2018 · Gründerin der Kochgeschirr-Marke Daniks · Gründerin von Daniks.AI

Mein Daniks-Kochgeschirr ist Top-1 in Deutschland und aktuell Top-20 in den USA. Um die PPC dafür zu steuern, habe ich Daniks.AI gebaut — heute im Einsatz bei hunderten Amazon-Marken. In diesem Blog zeige ich, wie ich wirklich arbeite. Keine Kurse, keine Upsells.

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